Wenn über Flucht gesprochen wird, dominieren meist politische Schlagworte, Zahlen oder juristische Fragen des Asylrechts. Weitaus seltener richtet sich der Blick auf einen anderen, sehr konkreten Aspekt: die Orte, an denen Menschen ankommen. Gebäude, Unterkünfte und temporäre Wohnformen sind ein zentraler Bestandteil dieser Realität. Sie prägen nicht nur den Alltag der Menschen, die dort leben, sondern auch das gesellschaftliche Bild von Migration in Deutschland.

Die Rolle von Architektur und Stadtplanung bei der Aufnahme von Schutzsuchenden

Genau an diesem Punkt setzte ein Interviewgespräch zwischen dem Europaabgeordneten Lukas Sieper (Partei des Fortschritts) und dem Kunst- und Architekturhistoriker Sharon Nathan am 6. März 2026 an. Für sein Podcastformat lud Sieper Nathan zu einem offenen Austausch ein, der bewusst eine andere Perspektive auf das Thema Flucht eröffnen sollte. Im Mittelpunkt stand nicht die juristische oder administrative Dimension, sondern die Frage, welche Rolle Architektur und Stadtplanung bei der Aufnahme von Schutzsuchenden spielen.

Sharon Nathan arbeitet seit zwei Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung für Kunst und Baukultur Britta und Ulrich Findeisen. Seit etwa einem Jahr promoviert er zudem zur Geschichte und Architektur von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland seit 2015. Seine Forschung verbindet damit praktische Arbeit in der Stiftung mit einer kultur- und architekturwissenschaftlichen Perspektive auf Flucht und gebaute Räume.

Sharon Nathan

Sharon Nathan, Kunst- und Architekturhistoriker sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung für Kunst und Baukultur Britta und Ulrich Findeisen, promoviert zur Geschichte und Architektur von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland. © Sharon Nathan

Europäische Asylpolitik im Jahr 2015

Im Verlauf des Gesprächs ging es zunächst um die politische Einordnung der Ereignisse rund um das Jahr 2015 und die Frage, wie die damals viel zitierte „Flüchtlingskrise“ zu verstehen sei. Nathan verwies dabei auf einen Befund, der auch im wissenschaftlichen Diskurs häufig formuliert wird: Die Herausforderungen des Jahres 2015 lagen weniger in der absoluten Zahl der ankommenden Menschen als in der mangelnden Koordination der europäischen Asylpolitik. Besonders die Funktionsweise des Dublin-System führte dazu, dass einzelne Staaten einen Großteil der Aufnahme organisieren mussten.

„Die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015 war keine Krise der Geflüchteten. Sie war eine Krise europäischer Verwaltung und Solidarität.“

Sharon Nathan, Kunst- und Architekturhistoriker

Zugleich sei die öffentliche Wahrnehmung der Ereignisse stark von der Kommunikation der Zahlen geprägt gewesen. Nach Angaben des Bundesministerium des Innern und für Heimat wurden im Jahr 2015 rund 890.000 Schutzsuchende in Deutschland registriert. Bereits im Jahr 2016 sank diese Zahl deutlich auf etwa 290.000 registrierte Ankommende. Im Gespräch wurde deutlich, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung der Migration häufig von deutlich höheren Größenordnungen ausging.

Einfluss von Architektur auf Integrationsprozesse

Von dieser politischen Ebene aus verschob sich das Gespräch auf Nathans eigentlichen Forschungsbereich: die gebaute Umwelt der Ankunft. Wenn Menschen ankommen, stellt sich unmittelbar eine räumliche und architektonische Frage, nämlich wo und wie diese Menschen untergebracht werden. Nathan erläuterte, dass sich in Deutschland verschiedene Typologien von Flüchtlingsunterkünften herausgebildet haben, etwa Erstaufnahmeeinrichtungen, Sammelunterkünfte oder modulare Wohnanlagen. Viele dieser Gebäude entstehen unter erheblichem Zeitdruck. Was ursprünglich als temporäre Lösung geplant wird, bleibt in der Praxis häufig über Jahre bestehen.

Sieper interessierte sich besonders für die Frage, ob Architektur selbst Einfluss auf Integrationsprozesse haben könne. Nathan betonte, dass räumliche Faktoren durchaus eine Rolle spielen. Die Lage einer Unterkunft, ihre Einbindung in bestehende Quartiere sowie die Nähe zu Infrastruktur, Arbeit und Bildungseinrichtungen können entscheidend dafür sein, wie Ankunft und gesellschaftliche Teilhabe gelingen.

Diese Fragen bilden auch den Ausgangspunkt für Nathans aktuelle Forschung. Im zweiten Jahr seiner Promotion beginnt er damit, Unterkünfte in verschiedenen Regionen Deutschlands systematisch zu besuchen und zu dokumentieren. Ziel ist es, ihre architektonischen Konzepte, ihre räumliche Organisation und ihre historischen Entwicklungen genauer zu untersuchen.

Gestaltung von Räumen als dauerhafte Aufgabe für Politik, Planung und Forschung

Im Gespräch wurde dabei immer wieder deutlich, dass Asylmigration keine kurzfristige Ausnahmeerscheinung darstellt. Vielmehr handelt es sich um eine langfristige gesellschaftliche Realität, auf die auch Architektur und Stadtplanung reagieren müssen. Die Gestaltung der Räume, in denen Menschen ankommen, bleibt daher eine dauerhafte Aufgabe, sowohl für Politik als auch für Planung und Forschung.

Der vollständige Podcast mit dem Gespräch zwischen Lukas Sieper und Sharon Nathan wird in den kommenden Wochen veröffentlicht. Die Veröffentlichung ist für etwa drei Wochen nach der Aufnahme vorgesehen und wird auf den digitalen Kanälen der Partei des Fortschritts zugänglich sein. Dort wird das Gespräch in voller Länge zu hören sein und die im Interview angesprochenen Themen ausführlicher vertiefen.