Was bleibt, wenn ein Tagebau endet, Dörfer ihre bisherige Rolle verlieren und eine ganze Region ihre Zukunft neu verhandeln muss? Im Rheinischen Revier lassen sich diese Fragen nicht allein in Sitzungsräumen, Förderanträgen oder langfristigen Entwicklungsplänen beantworten. Sie brauchen Orte, an denen Menschen zusammenkommen, Erfahrungen teilen, Konflikte benennen und gemeinsam an Ideen arbeiten können. Genau dafür stand die tu! Hambach 2026.

Bei der tu! Hambach präsentierte die TU Darmstadt das Forschungsprojekt Re:SET zur Zukunft leerstehender Einfamilienhäuser in Bürgewald. © Sharon Nathan
Vom 10. bis zum 14. Juni wurde Bürgewald gemeinsam mit weiteren Orten im Rheinischen Revier erneut zu einer Temporären Universität. Zwischen ehemaliger Kita, Kirche, Scheune, Neesenhof, Tagebaurand und der Alten Malzfabrik in Buir entstand ein vielstimmiger Arbeitsraum für die drängenden Fragen des Strukturwandels. Die tu! Hambach machte sichtbar, dass Transformation nicht nur eine infrastrukturelle oder wirtschaftliche Aufgabe ist. Sie betrifft Erinnerungen, Landschaften, Arbeitsbiografien, Wohnformen, Mobilität, Kultur und die Frage, wer über die Zukunft einer Region mitentscheiden kann.
tu! Hambach mit Programm zwischen Forschung, Alltag und Zukunftsentwürfen
Die tu! Hambach knüpft an eine Idee an, die bereits im Rahmen des REVIERateliers Hambach entwickelt wurde: Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung, Politik, Kultur und lokale Initiativen sollen nicht nebeneinander arbeiten, sondern in einen direkten Austausch treten. Auch 2026 zeigte sich diese Offenheit im breiten Spektrum der Beteiligten. Über 70 Institutionen und Einzelpersonen gestalteten ein Programm aus Workshops, Ausstellungen, Vorträgen, Gesprächsrunden, Exkursionen, Mitmachformaten und kulturellen Beiträgen.

tu! Hambach 2026 machte das Rheinische Revier zum offenen Arbeitsraum für den Strukturwandel: Menschen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft entwickelten gemeinsam Ideen für die Zukunft der Region. © Sharon Nathan
Dabei reichte das Themenspektrum von nachhaltigem Bauen, Energie und Mobilität über Dorfentwicklung, Erinnerungskultur und Tourismus bis zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, Bürgerbeteiligung und regionalen Identität. Studierende, Forschende, kommunale Akteurinnen und Akteure, Vereine, Schulen, Initiativen, Künstlerinnen und Künstler sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen zusammen, um unterschiedliche Perspektiven auf das Rheinische Revier sichtbar zu machen. Gerade diese Mischung machte die Stärke der tu! Hambach aus. Hier ging es weniger darum, einen fertigen Masterplan zu präsentieren. Vielmehr entstand ein Raum, in dem Ideen geprüft, Erfahrungen geteilt und offene Fragen gemeinsam ausgehalten werden konnten.
Beteiligung als zentrale Frage des Strukturwandels
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Bürgerinnen und Bürger den Strukturwandel nicht nur beobachten, sondern tatsächlich mitgestalten können. Der Workshop mit der Landtagsabgeordneten Antje Grothus eröffnete hierfür einen wichtigen Austauschraum für die Geschichte des Aktivismus in der Region sowie die Frage, wie man für die Zukunftsvisionen der Menschen eine faire Mitsprache schaffen kann.
Das Rheinische Revier als lebendige, sich wandelnde Heimat
Gerade im Rheinischen Revier ist diese Frage von besonderer Bedeutung. Viele Menschen erleben die Veränderungen nicht abstrakt, sondern unmittelbar in ihrem Alltag: durch Umsiedlung, neue Landschaften, veränderte Arbeitswelten, leerstehende Gebäude und die Unsicherheit darüber, wie ihre Orte in Zukunft aussehen werden. Die Diskussion machte deutlich, dass Beteiligung nicht als einmalige Abfrage verstanden werden darf. Sie muss langfristig, transparent und verbindlich organisiert werden, damit aus einzelnen Ideen tatsächliche Gestaltungskraft entstehen kann.

Das Rheinische Revier im Wandel © Sharon Nathan
Die Alte Malzfabrik in Buir als Ort der Ankunft und Zukunft
Am Samstag verlagerte sich die tu! Hambach in die Alte Malzfabrik nach Buir. Die ehemalige Industrieanlage wurde selbst zum Gegenstand der Diskussion: Was kann aus einem historischen Ort werden, der sichtbar für die industrielle Geschichte der Region steht und zugleich an einer wichtigen Schnittstelle des zukünftigen Tagebauvorfelds liegt?

Die Alte Malzfabrik in Buir. © Sharon Nathan
Unter dem Titel „ANKUNFT.ZUKUNFT. Malzfabrik Buir. Ort für Wandel und gemeinsames Gestalten“ kamen Interessierte, lokale Initiativen, Fachleute und politische Vertreterinnen und Vertreter zusammen. Im Podiumsgespräch war auch NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur zu Gast. Anschließend wurden an offenen Thementischen und Mitmach-Boards Ideen für Buir, Bürgewald und Manheim-alt gesammelt, diskutiert und miteinander verbunden.

Im Austausch mit der NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur und der Landtagsabgeordneten Antje Grothus (v.l.n.r.) © Sharon Nathan
Besonders prägend war der Blick auf den Siloturm der ehemaligen Malzfabrik. Als weithin sichtbare Landmarke markiert er schon heute die Ankunft in Buir. Für Interessierte schloss sich eine Besichtigung des Turms an, bei der über Möglichkeiten der Nachnutzung gesprochen wurde. Dabei stand die Frage im Raum, ob der Turm künftig mehr sein könnte als ein Relikt industrieller Vergangenheit: ein Wissens- und Erlebnisspeicher, ein Ort für regionale Geschichte, für Ausstellungen, Begegnung, Tourismus oder demokratische Mitgestaltung.
Re:SET: Pionierprojekt im „Ort der Zukunft“ Bürgewald
Auch die TU Darmstadt brachte mit dem interdisziplinären Forschungsprojekt Re:SET einen wichtigen Impuls in die tu! Hambach ein. Am Info- und Mitmachstand stellten Julia Knapp und Karolin Kegel die Inhalte des Projekts vor und luden Besucherinnen und Besucher dazu ein, eigene Ideen, Wünsche und Perspektiven einzubringen.
Re:SET untersucht, wie leerstehende Einfamilienhäuser in Bürgewald zukunftsfähig weiterentwickelt werden können. Im Mittelpunkt stehen dabei soziale, ökologische und ökonomische Fragen gleichermaßen. Wie können Bestandsgebäude flexibel genutzt werden? Welche energetischen Potenziale lassen sich erschließen? Und wie können ehemalige Wohnhäuser zu Bausteinen einer neuen, lebendigen Ortsidentität werden?

Das Forschungsprojekt Re:SET der TU Darmstadt brachte neue Impulse in die tu! Hambach: Am Mitmachstand diskutierten die Besucher mit Julia Knapp und Karolin Kegel über die Zukunft leerstehender Einfamilienhäuser in Bürgewald. © Sharon Nathan
Konzipiert wurde das Projekt am Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetechnologie der TU Darmstadt unter Leitung von Prof. Anett-Maud Joppien. Die Besucherinnen und Besucher konnten sich nicht nur informieren, sondern über Gespräche, eine Online-Umfrage, Skizzen und die Ideenwand aktiv mitdenken. Damit wurde der Forschungsstand zum Beteiligungsraum. Wissenschaftliche Arbeit und lokale Erfahrung trafen nicht nur aufeinander, sondern wurden produktiv miteinander verbunden.
CUBITY Atelierhaus für mehr Austausch und Zusammenarbeit
Die tu! Hambach lebte nicht allein von den offiziellen Veranstaltungen. Ein Teil der Mitwirkenden und Veranstalterinnen nutzte das CUBITY Atelierhaus als temporären Arbeits- und Aufenthaltsort. Einige übernachteten vor Ort, wodurch sich Gespräche und Arbeitsprozesse bis in die Abendstunden fortsetzten.
Nach den öffentlichen Programmpunkten wurden Workshops vorbereitet, Eindrücke des Tages ausgewertet, Kontakte vertieft und die nächsten Schritte für den Folgetag organisiert. Das CUBITY wurde so selbst zu einem Teil der Temporären Universität. Es bot nicht nur Raum zum Übernachten, sondern auch eine Infrastruktur für die praktische Zusammenarbeit zwischen Menschen, die sonst in unterschiedlichen Institutionen, Städten und Arbeitsfeldern tätig sind.